
Heute Morgen um Punkt 9 Uhr, ist mit einem Blick aus meinem Zimmerfenster mein Zorn erwacht. Und meine Trauer.
Ich erzähle euch warum.
Auf dem Nachhauseweg entdeckte ich gestern einen herrenlosen Schrank auf der Straße. “Zum mitnehmen” stand auf einem Zettel geschrieben. Er war nicht besonders schön oder besonders außergewöhnlich. Aber er war perfekt für mein Vorhaben. Ich rief einen Freund an und zusammen hievten wir das Möbelstück eine Straße weiter. Wir platzierten ihn neben einem Baum, auf der nackten Erde. Ein schöner Platz. Gut sichtbar, gut zu erreichen und vor allem dort, wo er niemandem im Weg ist. Gemeinsam mit einem anderen Freund machten wir uns dann an die Verschönerung. Die Türen mussten ab, damit der Blick frei wird auf die Dinge darin. Die grauen Wände bemalten und beklebten wir. Ein wenig gelbe Farbe kam zum Einsatz und eine Erklärung musste her. Mit geschwungenen Buchstaben schrieb ich folgendes:
Dies ist eine freundliche Givebox für alle.
Dinge, die ihr/e Besitzer/in nicht mehr haben
möchte oder nicht mehr schön findet, finden
hier ihren Platz. Sie sollten nicht kaputt oder
dreckig sein, damit sie schnell die Liebe einer
anderen Person gewinnen können!
Hast du dich in einen der Gegenstände verliebt,
so nimm ihn einfach mit!
Und wenn du magst kannst du einen Gruß in
dem Givebox-Gästebuch hinterlassen.
Danke
weiter unten stand auch noch
Geben, was du kannst – Nehmen, was du brauchst
Die Passanten die vorbeigingen blieben stehen, stellten Fragen und äußerten ihr, meist positives, Feedback. Viele der Nachbarn waren sogar so begeistert von der Idee, dass sie uns direkt ein paar Dinge brachten, oder noch während wir malten etwas herausnahmen.
Nur einer der Vorbeigehenden, einer mit Bierflasche und Bulldogge, beschimpfte uns, nannte uns Hippies und lachte über die Zuversicht, mit der wir davon ausgingen das so etwas in unserem Viertel funktionieren könnte.
Wir ließen uns nicht beirren und machten weiter. Am Ende des Tages betrachtete ich voller Liebe und mit fast mütterlichen Gefühlen, unser Werk und ging schlafen.
Heute Morgen blickte ich direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster und erschrak.
Die Givebox war spurlos verschwunden.
Was sagt uns das? Es gibt einen Haufen herzloser und frustrierter Personen in meiner Nachbarschaft. Mindestens eine, die ein Telefon besitzt und den Sperrmülldienst angerufen hat. Aber meine Erfahrungen während der Aktion haben mir auch das Gegenteil bewiesen. Und die guten Erfahrungen sind schließlich die, aus denen man seine Motivation schöpft. Die Schlechten machen einen höchstens etwas vorsichtiger. Aber die sollten einen nicht davor zurückschrecken lassen, weiterhin Gutes zu tun. Hallelujah!
PS.: Ich hab ein Paar Marco Tozzi Schuhe aus der alten Kollektion hineingestellt, auch sie sind natürlich weg. Hoffen wir, dass sie gestern Abend noch jemand mitgenommen hat und sich nun an ihnen erfreut.
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